Auszüge aus einem wissenschaftlichen Artikel von Prof. Dr. K.W. Kallus und Prof. Dr. Dr. Th. Uhlig1

Einführung

Wie viele andere Autoren hat auch einer der Väter der modernen Stressforschung, H. Selye, wiederholt betont, dass Stress sowohl positive als auch negative Bedeutung für den Organismus haben kann, und die Abwesenheit von Stressoren nicht zwangsläufig zu einem positiven Zustand führt. Vielmehr führen auch Langeweile und Inaktivität zu einem Abbau von Ressourcen.

Phasen der Ruhe, Pausen und Erholungsphasen wie der Schlaf sind selbstverständliche und unverzichtbare Bestandteile des Lebens höherer Organismen. Hinweise auf die wichtige Rolle von Erholungsvorgängen lassen sich aus den in der Stressforschung untersuchten Moderatoren für Stress wie soziale Unterstützung, Kontrollierbarkeit, Handlungsspielraum und Vorhersagbarkeit ableiten. Auch Mediatoren wie die zeitliche Verteilung des Stress oder die Stressbewältigung und die wichtige Rolle von Entspannungstechniken im Stressmanagement sind implizit eng mit Erholungsprozessen verbunden.

Erholung ist nicht einfach als Wiederherstellung von Ressourcen zu verstehen, die unter Stress verbraucht wurden. Ebensowenig wie Stress einfach als Verbrauch oder Einsatz von Ressourcen zu definieren ist.

Definitionen von Stress und Erholung

Wesentliche Kennzeichen von Stress sind:

Wesentliche Kennzeichen von Erholung sind:

Modell der Erholungs-Beanspruchungsbilanz

Erholungs-Beanspruchungsbilanz
Erholungs-Beanspruchungsbilanz (© K.W. Kallus, Universität Graz)

Die Auffassung zum Wechselspiel von Stress und Erholung wird in nebenstehender Abbildung wiedergegeben. Dieses Modell baut auf klassische homöostatische Stressmodelle auf und integriert handlungsorientierte Ansätze der Arbeitspschologie (Hacker, 1998) mit denen der modernen Stresspsychologie.

Verfolgt man den Zustand des Organismus für die Fälle mit und ohne Regeneration, wird deutlich, dass ein Ungleichgewicht vor allen Dingen dann entsteht, wenn Stressreaktionen nicht durch angemessene Erholung kompensiert werden.

Die psychische Fitness ist durch ein ausgewogenes Verhältnis von Beanspruchung und Erholung gekennzeichnet.

Kommt es zu einer dauernden oder wiederholten Überbeanspruchung ohne hinreichende Erholung, werden komsumptive Ressourcen nicht aufgefüllt und permanente Ressourcen leiden (vgl. Schönpflug, 1987), womit das Risiko für Erkrankungen steigt. Es treten negative emotionale und motivationale Veränderungen auf, die im Extremfall in ein Übertrainings-, Burnout- oder Chronic-Fatigue-Syndrom (vgl. Kallus & Kellmann, 2000) münden können.

Folgt man einem solchen Arbeitsmodell, sollte neben dem Stress immer auch die Erholung erfasst werden, um den Zustand einer Person angemessen zu erfassen.

1 Kallus, K.W., Uhlig Th. (2001). Erholungsforschung: Neue Perspektiven zum Verständnis von Stress. In: Silbereisen R.K., Reitzle M. (Hrsg.). Psychologie 2000. Bericht über den 42. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychologie in Jena 2000. (S. 364-379).

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